Barrierefreiheit Webseite: Was du jetzt prüfen musst
Seit Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. 93 % der deutschen Webseiten sind nicht barrierefrei. Wir zeigen dir, was du prüfen und ändern musst.
93 % der deutschen Webseiten haben signifikante Barrieren. Das hat eine Analyse von AccessGO im Frühjahr 2025 ergeben. Seit dem 28. Juni 2025 ist digitale Barrierefreiheit für die meisten Unternehmen keine Empfehlung mehr, sondern Pflicht. Grundlage ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), die deutsche Umsetzung des European Accessibility Act.
Trotzdem haben die wenigsten kleinen Unternehmen bisher etwas geändert. Weniger als 0,5 % aller geschäftlichen Webseiten haben eine vorgeschriebene Barrierefreiheitserklärung. Die ersten Abmahnungen laufen bereits. Hier erfährst du, was du jetzt prüfen und anpassen solltest.
Was das BFSG für deine Webseite bedeutet
Das BFSG setzt den European Accessibility Act in deutsches Recht um. Es betrifft alle Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen über digitale Kanäle anbieten. Das schließt Webseiten, Online-Shops und Apps ein.
Der technische Standard dahinter heißt WCAG 2.1 AA (Web Content Accessibility Guidelines). Klingt sperrig, meint aber im Kern: Deine Webseite muss für Menschen mit Einschränkungen nutzbar sein. Dazu gehören Sehbehinderungen, motorische Einschränkungen und kognitive Beeinträchtigungen.
Wichtig: Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern und unter 2 Millionen Euro Jahresumsatz sind ausgenommen. Alle anderen müssen handeln.
Wahrnehmbar
Inhalte müssen für alle Sinne zugänglich sein. Bilder brauchen Alt-Texte, Videos brauchen Untertitel, Kontraste müssen ausreichend sein.
Bedienbar
Alles muss per Tastatur erreichbar sein. Navigation, Formulare, Buttons. Ohne Maus, ohne Touchscreen.
Verständlich
Sprache, Struktur und Navigation müssen logisch aufgebaut sein. Fehlermeldungen müssen erklären, was falsch ist und wie man es korrigiert.
Die 6 häufigsten Fehler auf deutschen Webseiten
Die WebAIM Million-Studie 2025 hat über eine Million Startseiten geprüft. Das Ergebnis: 94,8 % aller Seiten hatten erkennbare WCAG-Verstöße. Im Schnitt 51 Fehler pro Seite. Sechs Fehlerkategorien machen zusammen 96 % aller Probleme aus.
1. Zu niedriger Farbkontrast
Betrifft 79,1 % aller Startseiten. Hellgrauer Text auf weißem Hintergrund, blasse Buttons, kaum lesbare Links. Der WCAG-Standard verlangt ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1 für normalen Text.
2. Fehlende Alt-Texte bei Bildern
18,5 % aller Bilder haben keinen Alt-Text. Screenreader können diese Bilder nicht beschreiben. Suchmaschinen auch nicht. Ein leeres alt="" ist nur bei rein dekorativen Bildern erlaubt.
3. Fehlende Formular-Labels
Eingabefelder ohne zugeordnetes Label. Der Besucher sieht den Platzhaltertext, aber ein Screenreader weiß nicht, was in das Feld eingetragen werden soll.
4. Leere Links und Buttons
Links oder Buttons ohne erkennbaren Text. Typisch bei Icon-Buttons: Ein Hamburger-Menü-Icon ohne aria-label ist für Screenreader unsichtbar.
5. Fehlendes Sprach-Attribut
Das lang-Attribut im HTML-Tag fehlt oder ist falsch gesetzt. Screenreader wissen dann nicht, in welcher Sprache sie den Text vorlesen sollen. Ein einfaches lang=“de” reicht.
6. Keine Tastaturnavigation
Nur 15 von 71 getesteten deutschen Webseiten waren 2025 vollständig per Tastatur bedienbar. Fehlende Tastaturfokusse, unlogische Tab-Reihenfolgen und nicht erreichbare Menüs sind die Norm.
Erste Abmahnungen laufen bereits
Seit Dezember 2025 gibt es die erste Welle von BFSG-Abmahnungen. Hauptsächlich betroffen: Online-Shops und Dienstleister mit offensichtlichen Mängeln. Die Forderungen liegen bei rund 1.000 Euro pro Abmahnung, mit Vergleichsangeboten um 595 Euro.
Die zuständige Marktüberwachungsbehörde (MLBF) in Magdeburg ist seit September 2025 operativ. Seit Januar 2026 prüft sie aktiv digitale Angebote. Bei schweren oder wiederholten Verstößen drohen Bußgelder bis zu 100.000 Euro.
Zur Einordnung:
Viele der bisherigen Abmahnungen stammen von einer einzelnen Kanzlei und halten juristisch oft nicht stand, weil das erforderliche Wettbewerbsverhältnis fehlt. Trotzdem zeigt der Trend klar: Das Thema wird nicht wieder verschwinden. Wer jetzt nachbessert, spart sich den Ärger.
So prüfst du deine Webseite in 30 Minuten
Du brauchst keine Agentur und kein Budget, um eine erste Bestandsaufnahme zu machen. Drei kostenlose Tools reichen für den Anfang.
WAVE (Web Accessibility Evaluation Tool): Eine Browser-Extension für Chrome, Firefox und Edge. Du rufst deine Seite auf, klickst auf das WAVE-Icon und bekommst sofort eine visuelle Übersicht aller Fehler direkt auf der Seite. Kontraste, fehlende Alt-Texte, leere Links: alles farblich markiert.
Google Lighthouse: Bereits in Chrome eingebaut. Rechtsklick auf deine Seite, „Untersuchen”, dann den Tab „Lighthouse” wählen. Der Accessibility-Score geht von 0 bis 100 und zeigt dir die größten Probleme mit konkreten Empfehlungen.
axe DevTools: Die umfangreichste Lösung. Als Browser-Extension verfügbar und mit der breitesten WCAG-Regelabdeckung. Besonders nützlich, wenn du tiefer einsteigen willst.
Unser Vorschlag:
- 1. Starte mit WAVE. Öffne deine Startseite und zähle die roten Fehler-Icons. Unter 5 ist gut, über 20 ist dringend.
- 2. Prüfe mit Lighthouse. Ein Score unter 80 zeigt deutlichen Handlungsbedarf.
- 3. Teste mit der Tastatur. Navigiere deine gesamte Webseite nur mit Tab, Enter und Escape. Kommst du überall hin? Siehst du immer, wo der Fokus liegt?
- 4. Prüfe deine Bilder. Hat jedes inhaltlich relevante Bild einen beschreibenden Alt-Text?
Die 5 wichtigsten Sofort-Maßnahmen
Nicht alles muss sofort perfekt sein. Aber diese fünf Punkte solltest du als Erstes angehen, weil sie die häufigsten Fehler abdecken und relativ einfach zu beheben sind.
Farbkontraste prüfen und anpassen
Mindestens 4,5:1 für normalen Text, 3:1 für großen Text. Tools wie der WebAIM Contrast Checker zeigen dir das Verhältnis sofort. Oft reicht es, Grautöne ein oder zwei Stufen dunkler zu machen.
Alt-Texte für alle Bilder ergänzen
Jedes inhaltlich relevante Bild braucht einen beschreibenden Alt-Text. Nicht „Bild 1” oder „foto.jpg”, sondern was auf dem Bild zu sehen ist. Rein dekorative Bilder bekommen ein leeres alt="".
Formular-Labels setzen
Jedes Eingabefeld braucht ein sichtbares Label, das programmatisch verknüpft ist. Platzhaltertexte allein reichen nicht, weil sie beim Tippen verschwinden.
Sprach-Attribut setzen
Prüfe, ob dein HTML-Tag ein lang=“de” enthält. Das dauert 10 Sekunden und behebt einen der häufigsten Fehler. Bei mehrsprachigen Inhalten einzelne Abschnitte zusätzlich auszeichnen.
Und als fünfter Punkt: Tastaturnavigation testen. Geh deine gesamte Seite mit der Tab-Taste durch. Jeder Link, jeder Button, jedes Formularfeld muss erreichbar sein. Der Fokus muss sichtbar sein (ein blauer oder farbiger Rahmen). Wenn irgendwo der Fokus „verschwindet” oder in einer Schleife hängt, ist das ein kritischer Fehler.
Barrierefreiheitserklärung nicht vergessen
Eine Sache, die fast alle übersehen: Das BFSG verlangt eine Barrierefreiheitserklärung auf deiner Webseite. Darin beschreibst du den aktuellen Stand der Barrierefreiheit, bekannte Einschränkungen und einen Kontaktweg für Feedback.
Das ist kein juristischer Freifahrtschein, aber es zeigt, dass du dich mit dem Thema beschäftigst. Und es gibt dir die Möglichkeit, transparent mit bekannten Lücken umzugehen, statt so zu tun, als gäbe es keine.
Der aktuelle Stand: Von März 2025 bis März 2026 ist der Anteil vollständig barrierefreier deutscher Webseiten von 6,53 % auf 11,84 % gestiegen (Gisma Accessibility Check 2026). Fortschritt, aber noch weit vom Ziel entfernt.
Barrierefreiheit ist kein Extra, sondern Grundlage
Barrierefreiheit hilft nicht nur Menschen mit Behinderungen. Klare Kontraste, logische Navigation und gut strukturierte Inhalte verbessern die Nutzbarkeit für alle Besucher. Sie verbessern dein Google-Ranking (viele WCAG-Kriterien überschneiden sich mit Core Web Vitals). Und sie schützen dich vor Abmahnungen.
Der Aufwand für die Basics ist überschaubar. Die meisten der häufigsten Fehler lassen sich innerhalb weniger Stunden beheben. Wer es jetzt angeht, ist auf der sicheren Seite.
Du willst wissen, wie barrierefrei deine Webseite wirklich ist?
Wir prüfen deine Seite auf die wichtigsten WCAG-Kriterien und zeigen dir, was zu tun ist. Kein Fachchinesisch, sondern klare Handlungsempfehlungen.
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